Seit 35 Jahren prägt der Anröchter Schausteller Stephan Huchtemeier mit seiner Familie das Kirmesgeschäft in der Region
Ein dünner Teig auf der heißen Platte, der Geruch von Nutella und frisch gebackene Quarkbällchen im Trubel des Rummelplatzes – für Stephan Huchtemeier ist das seit Jahrzehnten gelebter Alltag. Wer den 59-jährigen Schausteller auf der Herbstkirmes in Anröchte sucht, findet sein „Café Paris“ gleich doppelt: Ein Wagen steht am Bürgerhaus, der andere auf dem Platz vor dem Rathaus. Für den gelernten Tiefbauer, der seit 35 Jahren in Anröchte lebt, ist es ein echtes Heimspiel. Doch hinter dem Verkauf steckt eine lange Familientradition, die in den 1970er-Jahren auf der Pfingstkirmes in Menden ihren Anfang nahm. Der Weg dorthin war von vielen Wendepunkten geprägt.
Frühe Kindheit
Dabei war der erste Huchtemeier auf dem Rummelplatz eigentlich gar kein Huchtemeier. Den Grundstein für die Familientradition legte der Vater von Stephan Huchtemeiers Mutter. Sein Großvater machte damals, ebenso wie später sein Vater, ausschließlich leckeres Softeis. Die frühesten Erinnerungen des heutigen Kirmesmannes sind untrennbar mit diesem Leben verbunden. Wenn die Kinder müde wurden, legte man sie einfach unter der Verkaufstheke schlafen. „Das war bei uns genauso. Es hat uns auch nicht geschadet“, erinnert sich Huchtemeier. Nach der Schule ging er mit 21 Jahren zunächst in den Tiefbau und arbeitete 25 Jahre in diesem Beruf. Erst danach forderte seine Ehefrau Michaela eine Zäsur, um aus dem ständigen Berufsalltag auszubrechen. „Jetzt ist Schluss, wir konzentrieren uns auf das Leben, denn das ist ein ewiger Rummel“, betonte sie damals.
Feste Heimat
Seit diesem Wechsel fokussiert sich die Familie auf ein festes Einzugsgebiet. Der Stand wird in einem Radius von 40 Kilometern rund um den Anröchter Kirchturm aufgebaut. Das Geschäft bespielt Kirmesplätze, Schützenfeste und Stadtfeste. Insgesamt bereist der Betrieb rund 70 Schützenfeste im Jahr, darunter in Orten wie Erwitte und Rüthen sowie Veranstaltungen wie das Steinfest oder „Big Day Out“ in Anröchte. Die Herbstkirmes bedeutet für den gebürtigen Mendener vor allem Arbeit und Heimat. „Ich fühle mich nach 35 Jahren hier total wohl. Ein Klassentreffen ist es jedoch nicht, ich komme ja ursprünglich nicht von hier“, erklärt er. „Allerdings habe ich im Laufe der vielen Jahre sehr viele Menschen kennengelernt, die wir auf der Herbstkirmes wiedersehen.“
Pragmatischer Name
Der Name seines Betriebs, „Café Paris“, führt oft zur Frage nach französischer Leidenschaft. Die Erklärung ist jedoch pragmatischer Natur: Vor 35 Jahren bot der Wagen ausschließlich Crêpes und Kaffee an. Da Crêpes aus Frankreich stammen, lag der Name nah. Damals stellten die dünnen Pfannkuchen eine echte Marktlücke in Deutschland dar, wo das Produkt schätzungsweise seit knapp 40 Jahren existiert. Heute ist das Sortiment zu einer fahrbaren Bäckerei erweitert worden. Neben Crêpes verkaufen Michaela und Stephan Huchtemeier selbstgemachte Quarkbällchen, Waffeln und Mini-Donuts. Das Rezept für den dünnen Teig bleibt dabei strikt unter Verschluss. „Das kann keiner sehen. Das ist unser Familiengeheimnis“, sagt Huchtemeier über die Zubereitung.
Bewusste Entscheidung
Konsequent hat sich Stephan Huchtemeier gegen Großfahrgeschäfte wie einen 40 Meter hohen Kettenflieger oder einen Breakdancer entschieden. Die Anschaffungskosten für solche Fahrgeschäfte schätzt er auf hohe einstellige Millionenbeträge. Zudem plagen viele Kollegen immense Personalsorgen, da man solche Anlagen nicht alleine aufbauen kann. „Ich bin auch froh, dass ich es nicht gemacht habe. Wenn ich die ganzen Kollegen mit ihren Personalsorgen sehe – alleine baut man so einen Kettenflieger ja nicht auf. So einen Crêpewagen hingegen schon.“ Während er nie von einem modernen Fahrgeschäft träumte, sah sich sein älterer Sohn Tobias früher durchaus als künftiger Inhaber einer solchen Anlage. Tobias lernte jedoch Bäcker und hilft heute nur noch aus. In die direkten Fußstapfen tritt stattdessen der 26-jährige Sohn Pascal als vierte Generation. Pascal arbeitet hauptberuflich als Elektriker und betreibt das Kirmesgeschäft mit seiner Frau im Nebenerwerb. Er betreibt einen Haribo-Stand, einen Churros-Stand und einen Kartoffelwagen. Auf der Herbstkirche in Anröchte ist Pascal Huchtemeier nicht mit eigenen Verkaufswagen dabei. Dann unterstützt er seine Eltern im Verkauf. Der junge Mann war als Jugendlicher eigentlich gegen eine Karriere auf dem Rummelplatz, entschied sich dann aber von sich aus dafür und guckte sich die Arbeitsweise beim Vater ab.
Klare Zukunft
Trotz veränderter Freizeitgewohnheiten durch TikTok und Freizeitparks hält Stephan Huchtemeier die Kirmes weiterhin für absolut zeitgemäß. Dass ein Crêpe mittlerweile vier Euro kostet, begründet er mit den in den letzten drei Jahren explodierten Verkaufs-, Sprit- und Strompreisen. Die Kunden erhielten dafür jedoch Qualität, was sich in einem großen Stammkundenkreis widerspiegle. An den Ruhestand denkt der 59-Jährige nicht. „Wenn ich krank werde, höre ich auf, ansonsten mache ich immer weiter, bis es nicht mehr geht“, stellt er klar. Ein abruptes Aufhören kommt für ihn nicht infrage, höchstens weniger zu machen und nicht mehr mit dem heutigen Tempo. Die Vorstellung, im Jahr 2046 noch als 80-Jähriger in Anröchte auf dem Platz zu stehen, gefällt ihm: „Wenn ich gesund bin und auch dahinterstehen kann, auf jeden Fall.“ Er hofft, dass sein Sohn Pascal später einmal dankbar darauf zurückblickt, in die Fußstapfen des Vaters getreten zu sein.
Text und Fotos: Holger Bernert