Acht-samkeit am Billardtisch, beim Fliegenfischen und im Berufsalltag gehört bei Karsten Schütte als stolzer Vater von zwei Kindern einfach dazu

Die Lampen über dem Tisch tauchen das blaue Tuch in gleißendes Licht. Karsten Schütte tritt an den Billardtisch, greift den Queue, fokussiert die Linie. Oben angestoßen, den Ball der Begierde getroffen, die Weiße läuft nach. Es ist still genug, um das Rollen zu hören. Denselben Blick hat er am Wasser. Wenn er mit der Fliegenrute im Altarm der Möhne steht, die Schnur sich in den Abendhimmel hebt und der richtige Moment einfach da sein muss. Nicht erzwungen, nicht verfrüht – dann ist das dieselbe Konzentration wie am Tisch. In der Steinmetzwerkstatt in Werl, wo seit dem frühen Morgen die Maschinen laufen und Küchenplatten auf den Millimeter genau entstehen, gilt dasselbe. Drei Orte, ein Mensch. Der 47-Jährige ist Steinmetz in dritter Generation, spielt Billard, seit er 15 ist und steht als zweiter Geschäftsführer des Sportfischervereins SFV Himmelpforten mit der Fliegenrute im Fluss. Vor wenigen Wochen hat er die Billard-Westfalenmeisterschaft bei den Ü44-Senioren im Achtball gewonnen. Finale, Gold, Ticket zur Deutschen Meisterschaft. Die Medaille, sagt er, sei ihm eigentlich gar nicht so wichtig.

Vier Generationen

Granit, Marmor, Naturstein. Den von Großvater Hans vor mehr als 50 Jahren gegründeten Familienbetrieb führt Karsten Schütte heute gemeinsam mit Vater Hans-Dieter. Sein 16-jähriger Sohn Christian hat gerade die Ausbildung begonnen. Für seine Tochter (18) hat das Leben eine andere Richtung eingeschlagen. „Adriana macht eine Ausbildung zur Sozialassistentin als Vorbereitung auf eine Ausbildung in der Pflege.  Demnächst kommt sie ins zweite Ausbildungsjahr“, weiß der stolze Papa. Das Handwerk duldet keinen Irrtum. Der Millimeter entscheidet – am Stein wie auf dem Tuch des Billardtisches. Was auf den ersten Blick nach getrennten Welten klingt, ist für Karsten ein und dieselbe Haltung. Wer ungenau arbeitet, fängt von vorne an.

Fiese Krankheit

Das Fliegenfischen kam nach einer schweren Erkrankung. Der schwarze Hautkrebs mit Befall der Lymphknoten warf ihn für ein knappes Jahr aus allem heraus. Keine Werkstatt, kein Billardtisch, kein Wasser. Das erste Mal wieder im Fluss war anders als alles davor. „Ein sehr befreiendes Gefühl“, erinnert sich Karsten. Nicht weil die Krankheit verschwunden war. Sondern weil er in diesem Moment fallen lassen konnte, was er so lange getragen hatte. „Arbeit war wirklich alles. Das Wasser hat mir beigebracht, dass es das nicht sein darf.“ Am Altarm der Möhne hat er dasselbe entdeckt wie am Billardtisch: Kraft hilft nicht. Konzentration und Kontrolle entscheiden. Wer zu früh reagiert, trifft nicht. Beim Fischen gilt das für den Wurf. Beim Billard für den Stoß. Und im Leben, fügt er hinzu, gilt es meistens auch.

Acht Männer

Der Pool Billard Club (PBC) Anröchte zählt heute 39 Mitglieder, von denen 22 aktiv in vier Ligen an den Tischen stehen. Fünf sind Jugendliche. Die erste Mannschaft spielt in der Oberliga und beendete die abgelaufene Saison auf Platz drei. Gegründet wurde der Club 1989 in der Gaststätte Floren, als acht Männer bei einem gepflegten Bier beschlossen, einen Verein zu gründen: Markus Rellecke, Udo Floren, Richard Burtzyk, Heinz Werner Grothe, Klaus Kute, Dirk Petry, Michael Stenger und Jochem Sobieray. Die Idee lag an diesem Abend einfach in der Luft – der Anfang war nah am Wortspiel: Acht-samkeit. Die Acht ist im Pool Billard die schwarze Kugel, die zuletzt fallen muss. Wer sie zu früh versenkt, verliert die Partie.

Viele Rückschläge

Was nach der Gründung folgte, war alles andere als ruhig. Ein Brand zerstörte die Stammkneipe. Die Mitglieder bezogen einen Dachboden über der Tankstelle Büker und bauten ihn selbst aus. Boden legen, Wände ziehen, eine Treppe gießen, alles in Eigenarbeit. Bis 2003 spielten sie dort. Dann fehlten Fenster, und die Heizkosten fraßen das Budget. Im Industriegebiet übernahmen sie später die Räume eines aufgelösten Motorradclubs. Der Vermieter versprach eine Heizung, hielt das Versprechen nicht. Im Mai 2005 platzte ein Wasserrohr, die Räume liefen voll. „Wir dachten, es wäre das Ende vom PBC Anröchte“, erinnert sich Karsten Schütte. Der Club fand als Untermieter einer Videothek an der Teichstraße Unterschlupf, übernahm die Räume nach deren Schließung ganz. Vor neun Jahren schließlich der Umzug in ein eigenes Vereinsheim an der Handwerkerstraße 21, wieder in Eigenarbeit hergerichtet, diesmal mit vier Tischen.

Kein Kneipensport

Im Verein geht es um Punkte, nicht um Bierrunden. „Wir müssen schon dafür üben. Das bedeutet kein Alkohol und wirklich hartes Training“, stellt das Vorstandsmitglied klar. „Grundsätzlich ist ein sauberer Stoß Präzision. Und die braucht man natürlich auch bei der Steinmetzarbeit.“ Karsten arbeitet auf den Millimeter. Am Stein wie auf dem Tuch. Nur die Konsequenz des Fehlers ist eine andere. Am Stein kostet er Geld und Zeit. Auf dem Billardtisch vernichtet ein Fehler eine Chance, und ist manchmal die Entscheidung der ganzen Partie.

Stolzer Westfalenmeister 

Das Finale bei der Westfalenmeisterschaft hat Karsten mit immer stärker werdenden Leistungen durchgespielt. „Es muss beruflich passen, es muss privat passen, man muss den Kopf frei haben. Und nur dann kann man sich auf das konzentrieren, was man da macht.“ Das klingt nach Lebensweisheit. Gemeint ist der Turniersport. Zur Deutschen Meisterschaft reist Schütte nicht allein. Seine Freundin Claudia kommt als Glücksbringerin mit. Was er sonst noch mitnimmt? Den Queue, die Kreide und den Kopf, der frei sein muss.

Engagierter Nachwuchs

Im Jugendtraining lernen die Kinder den Nachlauf zuerst. Die weiße Kugel oben anspielen, die Zielkugel treffen, die Weiße läuft weiter. Das sitzt schnell. Geduld dauert länger. Sie lässt sich nicht erklären. Manch einer muss sie lernen und üben, bis auch sie sitzt. Immer und immer wieder. Fünf Jugendliche spielen aktiv im Verein. „Jung und Alt begegnen sich bei uns auf Augenhöhe.“  Beim Wettkampf sind alle gleich, und jeder unterstützt jeden.   

Klare Linie

Zur neuen Saison möchte der PBC Anröchte alle Spieltage live streamen. Die erste Mannschaft strebt den Aufstieg in die Regionalliga an. Eine Kamera über jedem der vier Tische, kostenlos auf YouTube. „Der Sport hat es verdient", findet Karsten, der Kassierer des Vereins ist. Zu viele schauen weg, weil sie ihn nicht kennen. Dieser Sport verlangt Disziplin und verbindet Menschen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten. Anröchte steht für gutes Handwerk. Und Billard ist präzise, ähnlich wie das Handwerk. Aber halt auf dem Billardtisch. 

Acht-samkeit leben

Der Abend an der Möhne ist angebrochen. Karsten watet einen Schritt vor, die Schnur hebt sich in den Abendhimmel. Morgen steht der Stein an, übermorgen das Training, irgendwann die Deutsche Meisterschaft. Drei Leben, ein Mensch. Einer, der am Wasser gelernt hat, dass Geduld keine Schwäche ist. Einer, der am Tisch beweist, dass Präzision kein Zufall ist. Einer, der am Stein weiß, dass Millimeter über alles entscheiden. Gelebte Acht-samkeit.

 

Text und Fotos: Holger Bernert