NRW hat 18 Millionen Einwohner und mit dem Anröchter Abschleppunternehmen Abschleppdienst Krüger GmbH den ersten zertifizierten Spezialisten für havarierte Hochvoltbatterien

In Nordrhein-Westfalen gibt es derzeit etwa 455.000 rein batterieelektrische PKW und rund 225.000 Plug-in-Hybride. Zusätzlich sind landesweit über 6.300 Elektro-Lkw und Transporter mit elektrischem Antrieb gemeldet. Durch die neuen Fördermöglichkeiten der Bundesregierung werden es dieses Jahr sicherlich noch mehr. Doch es gibt in unserem 18 Millionen Einwohner starken Bundesland nur wenige Fachbetriebe dieser Art. 

Einzigartig

Und den gibt es in Anröchte. Der 2003 gegründete Abschleppdienst Krüger GmbH ist mit seinen 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in ganz NRW der erste Betrieb mit der Zertifizierung für Bergung, Transport, Lagerung und Entsorgung verunfallter Elektrofahrzeuge und ihrer Batteriesysteme. Bundesweit teilt sich das Unternehmen diesen Status mit zehn bis zwölf weiteren Betrieben. Dass ein Familienbetrieb aus dem Sauerland in diese Position gelangt ist, hat mit einer Entscheidung zu tun, die Gerhard und Jörg Krüger 2015 trafen, als Elektromobilität in der Bergungsbranche und in der Region noch kein Thema war.

Hochspezialisiert

Gerhard Krüger hat das Familienunternehmen gemeinsam mit seinem Sohn Jörg in zwei Jahrzehnten zu einem der technisch spezialisiertesten Bergungsbetriebe Deutschlands entwickelt. Das Tagesgeschäft umfasst 24-Stunden-Notfallbereitschaft für Pkw, Lkw und Busse, eine freie Werkstatt für alle Nutzfahrzeuge, Getriebereparatur, Reifenservice sowie gesetzliche Prüfungen wie Hauptuntersuchung, Abgasuntersuchung, Sicherheitsprüfung und Windenprüfung. Das Unternehmen im Anröchter Gewerbegebiet West ist autorisierter Partner von Volvo Trucks und Renault Trucks Deutschland und Mitglied im ADAC Truckservice. Jörg Krüger sitzt im Expertenbeirat des ADAC Truckservice. Das alles ist solides Handwerk. Das Besondere liegt jedoch im Detail.

E-Spezialisten

Als die ersten Elektrofahrzeuge auf deutschen Straßen zugelassen wurden, interessierte das die Bergungsbranche wenig. Die Fahrzeuge waren selten, die Unfälle noch seltener, und der Umgang mit Hochvoltbatterien war für die meisten Betriebe kein Thema. Gerhard und Jörg Krüger sahen das anders. Bereits 2015 begannen sie systematisch aufzubauen, was bis dahin niemand in ihrer Branche strukturiert angegangen war: ein vollständiger Prozess für die Bergung, den Transport, die Quarantänelagerung und die fachgerechte Entsorgung havarierter Elektrofahrzeuge und ihrer Lithium-Ionen-Batterien. 

Kettenreaktion

Die technischen Anforderungen im Haveriemanagement von Elektrofahrzeugen sind erheblich. Lithium-Ionen-Batterien mit einer Kapazität von mehr als 1.000 Wattstunden fallen unter die Gefahrgutklasse ADR 9. Das bedeutet: zertifizierte Gefahrgutbeauftragte, definierte Transportbedingungen, vorgeschriebene Ladestandards. Für den Transport wird ein Ladezustand von 30 Prozent angestrebt. Das Risiko einer „Thermal Runaway“ genannten unkontrollierten Kettenreaktion in der Batteriezelle erfordert besondere Bergungstechnik. Gerhard und Jörg Krüger setzen dafür das Textilbergungssystem „LiBa Rescue“ ein, das speziell für diese Szenarien entwickelt wurde.

Hohes Risko

„Ein havarierter Elektroakku ist kein Brandfall wie jeder andere“, erklärt Gerhard Krüger. „Er kann Stunden oder Wochen nach dem Unfall wieder reagieren, ohne äußere Einwirkung, ohne Vorwarnung.“ Wer das nicht weiß, macht Fehler, die für Versicherer, Eigentümer und Einsatzkräfte teuer werden kann. Im Oktober 2023 lud Krüger 80 Führungskräfte der Feuerwehren und Rettungsdienste aus den Kreisen Soest, Hochsauerlandkreis, Paderborn, Gütersloh und Warendorf zu einem Fachtag alternative Antriebe nach Anröchte ein. Ziel war nicht Eigenwerbung, sondern Wissenstransfer. Die Expertise, die der Betrieb in der Vergangenheit aufgebaut hatte, sollte denjenigen zugutekommen, die im Ernstfall als Erste vor Ort sind. Dasselbe Prinzip gilt für die gewerbliche Beratung. Das Anröchter Unternehmen ist ein Fortbildungsstätte für Schulungen nach DGUV 209-093, dem Qualifikationsstandard für den Umgang mit Hochvoltbatterien, sowie Notfallberatung für Unternehmen und Einsatzkräfte an. Jörg Krüger ist Mitgründer der IGBTE – Initiativ Gemeinschaft Bergen Transport eMobilität, einem Zusammenschluss von Fachbetrieben, die Standards für den Umgang mit Elektrofahrzeugen in der Bergungsbranche entwickeln.

Kernprinzip

Parallel zur Spezialisierung auf Elektromobilität hat der Abschleppdienst Gerhard Krüger ein weiteres Prinzip konsequent durchgehalten, das in der Branche längst nicht selbstverständlich ist: die schadensfreie Bergung von Schwerlastfahrzeugen. Wenn ein Lkw oder Bus verunfallt, entstehen die eigentlichen Kosten oft nicht durch den Unfall selbst, sondern durch unsachgemäße Bergung. Beschädigte Aufbauten, zerstörte Ladung, Folgeschäden am Fahrwerk. Gerhard Krüger hat seinen Betrieb darauf ausgerichtet, genau das zu vermeiden, im Interesse der Versicherer und der Fahrzeugeigentümer. Und das 24 Stunden rund um die Uhr.

Initiativpreis

Vor wenigen Wochen wurde Gerhard Krüger mit dem Initiativpreis 2026 des Anröchter Gewerbe- und Fördervereins W.I.R. ausgezeichnet. Eine Anerkennung für seinen Beitrag zur Professionalisierung der Bergungsbranche im Umgang mit alternativen Antrieben. Der Betrieb zählt heute 20 feste Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie zwei Auszubildende. Was 2003 als klassischer Abschleppbetrieb begann und 2006 an den heutigen Standort in Anröchte zog, ist heute etwas, das es in dieser Form in NRW kein zweites Mal gibt. Ein Familienunternehmen, das früher als alle anderen erkannt hat, wohin sich eine Branche entwickelt, und dass die Konsequenzen daraus gezogen hat. In ganz Deutschland gibt es nur sehr wenige Betriebe mit vergleichbarer Zertifizierung. 

„Wilde Hilde“

Gerhard Krüger ist gelernter Kfz-Meister und mit Ingrid verheiratet. Die beiden sind Eltern von zwei Kindern. Zwei Enkelkinder gibt es bereits, ein drittes ist unterwegs. Seit zwei Jahren schläft Gerhard Krüger nachts durch, denn die Nachtschichten überlässt er anderen, bei Bergungseinsätzen hält sich der 70-Jährige zurück. Dafür gibt es jüngere. Mehr Zeit mit Ingrid, mehr Urlaub, mehr Luft. Und wenn es passt, steigt er in die „Wilde Hilde", eines seiner ersten Bergungsfahrzeuge von 1989, und fährt Oldtimer-Rallyes. Manche Dinge gibt man eben nicht ab.

 

Texte und Fotos: Holger Bernert