Der Anröchter Bestattungsunternehmer Michael Weinzierl hat als gelernter Zerspanungsmechaniker den Dreh für würdevolle Abschiede gefunden
An diesem kalten Wintermorgen im Februar klingelt das Telefon von Michael Weinzierl. Der 51-Jährige kennt die Nummer im Display. Er kennt auch die Stimme. „Es ist so weit", sagt die Frau am anderen Ende. Michael Weinzierl zieht sich die Jacke an, fährt drei Straßen weiter, klingelt, wird reingelassen. Der Mann im Bett war ein ehemaliger Schützenbruder. So funktioniert das in Anröchte. Sein Bestattungsunternehmen ist kein anonymer Dienstleister, sondern Teil des Dorfgefüges. Michael Weinzierl organisiert nicht den Tod von Fremden – er begleitet Nachbarn, Freunde und Bekannte auf ihrem letzten Weg.
Ursprünge
Die Eltern von Michael Weinzierl übernahmen 1973 ein bestehendes Taxiunternehmen in Anröchte. Erst Kneipenfahrten, dann Dialyse-Patienten, Strahlentherapie, schwerkranke Menschen. Das Taxi wurde zum Krankenfahrdienst. Doch Hans-Josef und Agathe Weinzierl hatte in ihrem Fuhrpark auch einen Leichenwagen. „Zu ihren Kunden gehörten alle Schreiner aus Anröchte, die in Ihren Werkstätten teilweise Holzsärge fertigten“, erinnert sich der Sohn. „Mein Vater holte zusammen mit dem Schreiner die Toten ab, fuhren sie zu den Friedhöfen. Das war kein klassisches Bestattungsgeschäft, sondern ein reines Beförderungsunternehmen zwischen Leben und Tod.“ Mit zwanzig Jahren kam Michael Weinzierl das erste Mal in Kontakt mit den Verstorbenen. „Der Schreck blieb aus. Ich half beim Einsargen, Waschen und Ankleiden der Toten.“ Für ihn war das schon was Besonderes. Es war Arbeit. Menschlich. Notwendig.
Nach der Schule lernte Michael Weinzierl etwas ganz anderes. Zerspanungsmechaniker, Fachrichtung Dreh- und Frästechnik bei Hoesch in Lippstadt. Früher nannte man das Dreher. Danach arbeitete er fast 15 Jahre bei der Brand KG in Anröchte, wo er sich auch als Industriemeister erfolgreich weiterbilden konnte. Dann kam das Jahr 2007. Michael Weinzierl gründete sein eigenes Bestattungsunternehmen. Zu dem Taxiunternehmen kam sein eigenständiges Geschäft als Bestatter. Er machte das als Quereinsteiger, holte sich Wissen von etablierten Unternehmern, brachte sich vieles durch aufmerksame Beobachtungen selbst bei. Einen Teil des Tages verbringt Michael Weinzierl in seinem Büro im Erdgeschoss des Steinmuseums. Mitten im Herzen von Anröchte, genau zwischen der Kirche, dem Friedhof und der Gemeinde Verwaltung. Ganz in der Nähe liegt ein ganz besonderer Raum. Dort trifft er sich regelmäßig mit seinen Kollegen vom Dartclub. „Wir haben hier ein professionelles Ambiente geschaffen“, sagt er. Das ist sein Ausgleich. Beim Dart wird gelacht und sich unterhalten. Über Sterbefälle wird nicht gesprochen.
Überraschendes
Was überraschte ihn am meisten? Die Dankbarkeit. Wenn Angehörige merken, dass jemand ihnen Sorgen abnimmt in diesem extremen Moment, dann öffnet sich etwas. Die Trauer bleibt, wird aber tragbar. Michael Weinzierl steht da und sagt in diesen Momenten: „Das machen wir zusammen.“ Die Dankbarkeit ist ehrlich. Sie trifft ihn. Nachts wird er selten gerufen. Die meisten Sterbefälle ereignen sich im Krankenhaus oder im Altenheim. Wenn es zu Hause passiert ist er aber in kürzester Zeit da. Er erzählt von einer 96-Jährigen, die nach einem erfüllten Leben im Kreise ihrer Lieben sanft eingeschlafen ist. Dann betreut er die Angehörigen eines jungen Mannes, der morgens zur Arbeit ging und nicht wiederkam. Der Bestatter unterscheidet nicht. „Beide bekommen die gleiche Würde, gleiche Aufmerksamkeit, gleiche Mühe.“ Das ist seine Maxime. Am Anfang kennt er die Geschichte oft gar nicht. Er kommt neutral auf die Menschen zu. Erst wenn er mit den Angehörigen spricht, wird klar, wer da starb.
Viele Verstorbene kennt der Anröchter persönlich. Anröchte ist ein kleines Dorf. Michael Weinzierl war im Vorstand des MSV, betreut eine Fußballmannschaft vom TUS 06 Anröchte. Er spricht mit vielen Menschen, die er irgendwann abholt, wenn sie tot sind. Das macht die Arbeit leichter, aber auch gleichzeitig schwerer. So musste er einen seiner besten Freunde beerdigen. Trotzdem war er Stolz, das machen zu dürfte.
In Anröchte wählen Menschen zu Lebzeiten etwa 75 Prozent die Feuerbestattung mit der anschließenden Beisetzung auf dem Friedhof, im Friedwald oder eine Seebestattung. Die anderen entscheiden sich für die klassische Erdbeisetzung. Michael Weinzierl kann (fast) alle Wünsche im Rahmen des Abschieds erfüllen. „Es gab schon Fußballfans, die sich im Trikot ihrer Lieblingsmannschaft beerdigen ließen oder im „Blaumann“ wenn der Verstorbene ein leidenschaftlicher Handwerker war. Auch bei der Musikauswahl gibt es keine Grenzen: von Klassik bis AC/DC ist alles dabei. Es gibt auch Särge und Urnen, die mit bunten Händeabdrücken der Angehörigen verziert werden.“ Vor allem Große Abschiedsfeiern mag der Bestatter. „Eine Beerdigung ist das Letzte, das man für einen guten Menschen tun kann. Andere bevorzugen eher die Stille. Beides geht.“ Doch wie entspannt Michael Weinzierl nach einem anstrengenden Tag und dieser täglichen Nähe zum Tod? „Indem man sich abgrenzt“, antwortet er spontan. Nachdem die Tür seines Büros abgeschlossen hat, denkt er nicht über Sterbefälle nach. Das überrascht viele. Aber es ist so. „Wenn ich Feierabend habe, schalte ich ab. Der gesamte Freundeskreis weiß mittlerweile, was Michael Weinzierl beruflich macht.“ Und siehe da: Keine Abscheu, keine Angst. Seinen Ausgleich holt er sich beim Dartspiel. Jahrelang engagierte er sich im Vorstand des Schützenvereins MSV. Mittlerweile betreut er die erste 1. Mannschaft der Fußballer des TUS 06 Anröchte. „Die Arbeit mit jungen Leuten macht mir Spaß. Nach einem anstrengenden Tag brauche ich einfach fröhliche Menschen. Die reden über Fußball, Privates, Trainer und Tore. Das gibt wieder Kraft.“
Sicht der Dinge
Der Beruf hat seine Sicht auf den Tod nicht verändert. Michael Weinzierl hatte nie wirklich Angst vor dem Sterben. Er sieht täglich schwerkranke Patienten. „Medizinisch ist es doch heute so, dass zumindest große Schmerzen kein großes Thema sind. Die Palliativmedizin hat gute Techniken entwickelt. Ich lebe nicht bewusster wegen des täglichen Sterbens. Das Hamsterrad des Lebens dreht sich stetig weiter. Also lebe ich wie viele andere auch. Mit der Spannung zwischen der täglichen Arbeit und dem Bewusstsein das alles endlich ist.“
Wenn sein Ende kommt, weiß er schon, was es sein soll. Ich habe da meine Vorstellungen. „Klassisch im Sarg in die Erde.“ Das ist ein bescheidener Wunsch von jemanden, der den letzten Weg anderer in Würde organisiert. Aber vielleicht ist es genauso richtig. Dass der Mensch nicht verschwindet. Dass er bleibt. Auch nach dem Tod. So wie bei seinem Nachbar, um den sich Michael Weinzierl jetzt kümmern muss.
Texte und Fotos: Holger Bernert