Zwischen Kindergarten, Klang und Karneval – Sabine Steffens weiß als gebürtige Altengesekerin, wie man ein ganzes Dorf lebendig hält
Der neue Spielplatz neben dem Schützenhaus in Altengeseke ist ein echter Anziehungspunkt für die Kids. Jeden Tag spielen Kinder darauf, die nicht wissen, welche Motivation hinter diesem Projekt steckt. Sabine Steffens und ihre Mitstreiter stehen hinter diesem ehrgeizigen Projekt und freuen sich über die glücklichen Kinder.
Dorfleben
Altengeseke ist ein Dorf, das auf Landkarten besonders ins Auge fällt. Ein paar Hundert Seelen, Felder ringsum, eine Schützenhalle, eine Kirche, schmucke Häuser, zwischen denen jeder jeden kennt. Ein intaktes Dorfleben. Sabine Steffens ist eine von hier. Seit vierzig Jahren lebt sie hier. Sie ist geblieben. Das klingt nach einer Entscheidung. War aber keine. „Man kennt es sein ganzes Leben lang, dass Menschen im Dorf etwas für andere getan haben“, beschreibt sie die Situation. Für die Kinder, für die Feste, für das Zusammenleben. Heute ist sie einer dieser Menschen. Sie hat nie beschlossen, diese Rolle zu übernehmen. Sie ist einfach hineingewachsen.
Ehrenamt
Vormittags leitet die engagierte Erzieherin den Gemeindekindergarten in Effeln. Ein Job, der Nerven, Organisationstalent und die Fähigkeit verlangt, dreißig Gedanken gleichzeitig zu verarbeiten. Multitasking nennt man das. Nachmittags kommt sie nach Hause. Stellt die Tasche ab. Macht Pause. Die Töchter Anna und Mia brauchen sie, haben aber auch ihre eigenen Pläne, Hausaufgaben, Termine, Fragen. Danach stehen noch viele ehrenamtlich Dinge auf dem Wochenplan. Nicht weil sie nicht Nein sagen kann, sondern weil sie weiß, wofür sie es macht.
Den Kinder- und Jugendförderverein Altengeseke leitet sie als erste Vorsitzende. Der Verein hat neun Frauen und Männer im Vorstand. Das ist kein Zufall, sondern System. Das Vorstandsteam arbeitet viel in Kleingruppen, zwei, drei Menschen pro Projekt, klare Zuständigkeiten, verteilte Last. Kinderchor zu Weihnachten, Kinderkirche, Kreativangebote, Ausflüge, Kinderkarneval, Krabbelgruppe oder Spielplatzfeste. „Wir machen das zusammen“, sagt sie, und dieses Wir klingt bei ihr nicht nach Phrase, sondern nach Methode.
Sie liebt die Arbeit mit dem Kinderchor. Aber nicht als wöchentliches Format, sondern als punktuelles Projekt. Ein paar Wochen vor Weihnachten treffen sich die Kinder, proben Lieder, manchmal ein kleines Musical, danach das Konzert oder die Krippenfeier. Danach Pause bis Ostern oder bis ein Spielplatzfest einen neuen Auftritt verlangt. „Die Kinder freuen sich, wenn die Kinderchorzeit wieder beginnt“, schildert sie. Ein Rhythmus, der genau so viel Kontinuität schafft, dass die Kinder wiederkommen, und genau so viel Luft lässt, dass sich niemand überfordert fühlt.
Musikalisch
Querflöte spielt Sabine Steffens seit ihrem 15. Lebensjahr, als sie Mitglied des Tambourcorps Altengeseke wurde. Ihre Freundinnen hatten schon mit neun angefangen. Sie selbst wollte zunächst nicht. Dann kam ein Schützenfest, der Vater stand im Corps, alle spielten, und sie dachte: kannst du doch mal machen. Zuerst Notenlehre, Theoriestunden, dann Marschstücke für die Straße, Konzertstücke für die Halle, Stimmungslieder und Kinderlieder dazu. Die Vielfalt im Tambourcorps ist heute beträchtlich. Derzeit ruht die Flöte zu Hause. Die Kinder sind noch klein, der Kalender ohnehin voll. „Die Flöte wartet einfach“, schmunzelt sie. Ihr Mann ist erster Vorsitzender des Tambourcorps. Wenn die anderen dienstagabends in der nahegelegenen Schützenhalle üben, öffnet Sabine Steffens das Fenster einen Spalt breit und hört zu.
Neuer Spielplatz
Die Neugestaltung des Dorfspielplatzes war ein anderes Kapitel. LEADER-Förderung, bürokratischer Vorlauf, monatelange Abstimmung, Kontakt zur Schützenbruderschaft, dem der Platz gehört. Eine Gruppe von mehreren Frauen trug das Projekt. Sabine Steffens steuerte die Arbeitseinsätze, bestellte Material, trommelte Helfer zusammen, plante um, wenn das Wetter nicht mitspielte. Arbeitseinsätze, die kurzfristig verschoben werden mussten. Die Suche nach neuen Helfern, und Pläne, die einen Tag vor dem Einsatz neu gesetzt werden mussten. Ein minimaler Frust, gesteht sie, aber keiner, der lange anhielt. „Von nichts kommt auch nichts“, sagt sie schlicht. Im Oktober begannen die Bauarbeiten, der Spielplatz wurde eingezäunt. Kinder schauten durch den Zaun. Väter halfen bei Arbeitseinsätzen und erzählten abends davon. Das Thema wanderte durch die Familien, die Spannung wuchs. Am 11. April war Eröffnung. Seither wird der Dorfspielplatz jeden Tag gut frequentiert.
Bei der Einweihung sprach Steffens zu den Kindern. Diese wären am liebsten sofort losgestürmt. Stattdessen sagte sie ihnen, dass ein Spielplatz nicht vom Himmel fällt. Dass man zuerst danken muss. Den Handwerkern. Den Vätern. Der Gemeinde. Der LEADER-Geschäftsstelle. Alle bekamen ihren Applaus, Gruppe für Gruppe. Dann durften die Kinder los. Es ist ein kleines Beispiel, aber ein treffendes: Sabine Steffens bringt Kinder dazu, innezuhalten, bevor sie rennen. Das tut sie im Kindergarten, im Chor, beim Karneval, im Dorf. Eine Geste, die heute wichtiger ist denn je.
Jecke Zeit
Karneval ist ihre andere großes Leidenschaft. Zwei Sitzungen im Jahr, eine für Erwachsene, eine für Kinder. Programm auf der Bühne, Tanzgarde, DJ, Moderatoren, das alles gleichzeitig im Kopf zu behalten, ist eine echte Mammutaufgabe. Sabine Steffens ist seit 1998 im Karneval aktiv, erst als Tänzerin der Tanzgarde, dann bis heute mit fünf anderen im Organisationsteam. Heute begleitet sie unter anderem die Kindertanzgarden durch die jecke Zeit.
Ob es schwerfällt, sich auch mal zurückzulehnen. Sie überlegt kurz. „Mal für nichts zuständig zu sein, ist ein ganz schönes Gefühl“, antwortet sie dann. Manchmal reicht es, bei einer Veranstaltung einfach nur dabei zu sein. Kein offener Punkt auf der inneren Liste. Einfach reden, zuhören, da sein. „Die anderen machen das ja auch sehr gut“, ist sie sich sicher.
Teamarbeit
Sabine Steffens ist eine echte Teamplayerin. Sie sieht sich als Teil einer großen Gemeinschaft. Als Puzzlestück, das zum Bild beitragen muss, damit das Ganze stimmt. Sie gibt Impulse, behält den Überblick, spricht Menschen persönlich an. Wer pflastern kann, wird zum Pflastern gebeten. Wer organisiert, organisiert halt. Wer singt, singt eben. Das ist kein Konzept. Das ist ein Feingefühl, das sich über Jahrzehnte schärft. Im Kindergarten, im Vorstand, auf dem Schützenfest. Ein Feingefühl dafür, was Kinder brauchen, was Erwachsene brauchen, wo Grenzen liegen und wo noch Luft nach oben ist.
Auf dem neuen Spielplatz steht jetzt ein Kind am Klettergerüst. Das Mädchen klettert einfach. Das ist der Punkt. Und Sabine Steffens geht vorbei, sieht das Kind, und das reicht ihr vollkommen.
Text und Fotos: Holger Bernert