Der Anröchter Steinbruch war mit seinem legendären Grünsandstein für die Fotokünstlerin Manon von Ikier-Hoppe Liebe auf den ersten Klick
Manon von Ikier-Hoppe steht am Rand des Anröchter Steinbruchs und schaut nach unten. Die Abendsonne schiebt sich gerade über die Felskante. Und was vor Sekunden noch stumpfer Kalkstein war, leuchtet jetzt in warmem, fast orangenem Ocker. Kein Bagger, kein LKW, kein Signalton. Sie hebt die Kamera, fokussiert, wartet zwei, drei Sekunden und drückt dann den Auslöser. Eine gute Aufnahme braucht diese Ruhe. Und die gibt es hier nur am Wochenende, wenn der Arbeitstakt verstummt ist.
Bilderserie
Wer in Anröchte aufwächst oder hier lebt, kennt den Steinbruch als Industriekulisse. Manon von Ikier-Hoppe kennt ihn als Wüste, als Canyon, als stille Gedenkstätte. Ein Jahr lang hat die Fotografin an den Wochenenden mehrere Stunden im Steinbruch Rinsche verbracht und fotografiert. Dabei sind 41 großformatige Bilder entstanden. Fünf davon haben einen eigenen Titel bekommen. Unter jedem Bild ist zusätzlich eine Erklärung. Die Ausstellung läuft jetzt im Steinmuseum Anröchte. Der Blick, den sie durch den Sucher auf diesen Ort wirft, hat mit der üblichen Sicht auf Industriegelände wenig gemein. Der Anröchter Grünsandstein, seit dem Mittelalter hier abgebaut und weltweit verbaut, liefert ihr nicht das Motiv. Er liefert die Bühne.
Künstlerfamilie
Die 68-Jährige stammt aus Düsseldorf, einer Stadt, die in der Fotografie eigene Maßstäbe gesetzt hat. Die Düsseldorfer Fotoschule rund um Bernd und Hilla Becher hat Fotografen von Weltrang hervorgebracht und die Stadt zur heimlichen Fotohauptstadt gemacht. Manon von Ikier-Hoppe ist in eine Welt hineingeboren worden, in der Kunst keine Freizeitbeschäftigung war, sondern Grundbedingung. Ihre Familie hatte enge Verbindungen zum Kunstmuseum. Der Großvater trug einen angesehenen Namen als Künstler in Berlin. „Schon als Kind sagten die Leute, die macht später bestimmt etwas mit Kunst“, erinnert sie sich. Als Fotografin und Fotolaborantin ausgebildet, lernte sie das Handwerk von Grund auf. Die Landeshauptstadt war dafür genau die richtige Adresse. Gerade für jemanden, der mit Kunst aufgewachsen ist. Porträtfotografie füllte die frühen Berufsjahre, bis sie nach 20 Jahren Erfahrung in der Fotografie zur künstlerischen Fotografie wechselte. Ganz ohne Brotjob ging das nicht: 18 Jahre arbeitete sie nebenher im Büro bei einem Wohlfahrtsverband, immer halbtags, immer zweigleisig. „Von Kunst können nur wenige leben. Das sind laut Statistik zwei bis drei Prozent der Bevölkerung“, äußert sie. Porträts, Frauenprojekte, eine vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe geförderte Arbeit über die Patienten im LWL-Zentrum für Forensische Psychiatrie in Lippstadt. Ihr Spektrum ist breitgefächert, und doch immer nah am Menschen oder der Natur. „Ich gebe mit meiner Fotografie den Anstoß, genau hinzuschauen und nachzudenken.“
Alte Bekanntschaft
Anröchte war für sie von Anfang an kein Zufall. Als kleines Kind wollte sie schon hierhin, weil Verwandte im Ort lebten. Wenn ich groß bin, ziehe ich nach Anröchte, soll sie gesagt haben. Seit 50 Jahren wohnt sie nun hier. Und wenn sie über den Ort spricht, sagt sie wir. Den Stein kennt sie wie eine alte Bekanntschaft. Dennoch hat sie für dieses Projekt neu hingeschaut. „An einem Samstagabend im Hochsommer entdeckte ich eine Reihe von Steinblöcken“, erinnert sich Manon von Ikier-Hoppe. So wie sie dort in engen Gassen nebeneinanderlagen, erinnerten sie sie an das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Sie war selbst mehrfach dort, ist unten durchgegangen, hat die Enge zwischen den Stelen gespürt und kennt den Blickwinkel von innen. „Aus dieser gespeicherten Perspektive habe ich schließlich den richtigen Ausschnitt gewählt.“ Das Bild trägt keinen erklärenden Untertitel. Es braucht keinen. An Zufall glaubt sie nicht. Manche Dinge, sagt sie, sollen einfach auf mich zukommen.
Elementarwesen
Andere Bilder sind ebenfalls da. Man muss sie nur erkennen. Eine Sprengwolke, die in der letzten Aufnahme einer Fotoserie hochsteigt, breitet sich aus wie Engelsflügel. In einem Sandhaufen, den die Sonne schräg trifft, erkennt sie ein Gesicht. Sie nennt es Sandmännchen. „Solche Formen zu setzen, nennen die Anthroposophen Elementarwesen, Gesichter in Strukturen und Bäumen.“ Im hinteren Teil des Steinbruchs, wo unter der Woche schwere Maschinen arbeiten, herrscht am Wochenende eine Ruhe, die sie mit einer Nacht in der Wüste vergleicht. Vögel nisten in den Felswänden und manchmal bewegt sich stundenlang nichts außer dem Licht. Sie setzt sich hin, beobachtet, wechselt den Standort, wartet. Zwei bis drei Stunden ist sie jedes Mal draußen. Manchmal kommt das Licht erst gegen halb acht abends. Dann bleibt kaum eine Stunde für die richtigen Bilder. „Was man heute noch fotografieren kann, ist morgen vielleicht schon weg. Der Steinbruch verändert sein Gesicht in Tagen, nicht in Wochen.“ Sie hält die Kamera nah an den Fels oder sucht den Winkel von unten, damit ein einzelner vorkragender Stein eine Dynamik bekommt. „Ein Schotter-Hang im Abendlicht mit Wildpflanzen könnte auch auf Teneriffa sein, in der schwarzen Lava-Erde.“ Solche Assoziationen entstehen nicht durch Planung. Sie entstehen durch Geduld und genaues Hinschauen. Schwarzweiß hat sie nur vereinzelt gewählt, dort wo Maserung, Struktur oder Technik mehr sagen als Farbe. Das Anröchter Grün des Sandsteins bleibt in den meisten Bildern erhalten. Manchmal warm, manchmal fast blaugrün, je nach Sonnenstand.
Grünes Wunder
Den Begriff Urkraft nennt die Fotokünstlerin, wenn man sie nach einem einzigen Wort für den Stein fragt. Das klingt zuerst nach Lippenbekenntnis. Wird aber begreiflich, sobald man ihre Bilder sieht. Was Jahrmillionen im Küstenmeer der Kreidezeit entstanden ist, trägt Spuren, die kein Mensch gelegt hat. Das Mineral Glaukonit färbt den Kalkstein grün, und dieses Grün ist buchstäblich überall auf der Welt verbaut. Im Berliner Regierungsviertel liegen rund 20.000 Quadratmeter Anröchter Stein. In Soest und im französischen Reims stehen Kirchenmauern aus demselben Material wie der Fels, in dem Manon von Ikier-Hoppe abends auf das richtige Licht wartet. „Viele Besucher der laufenden Ausstellung haben erzählt, dass sie den Stein so noch nie gesehen haben“, berichtet die Fotografin. Einige davon lebten ihr ganzes Leben in Anröchte und waren noch nie unten im Steinbruch. Der Zugang ist aus Sicherheitsgründen für die Öffentlichkeit gesperrt. Diese Ausstellung öffnet genau diesen Blick. Die Fotografien im Steinmuseum Anröchte sind noch bis zum 25. August zu sehen. Besuche sind nach vorheriger Anmeldung per E-Mail möglich unter post@anroechter-stein-museum.de. Wer dann vor diesen 41 Bildern steht, schaut auf einen Ort, den er zu kennen glaubte, und sieht ihn dann doch zum ersten Mal.
Text und Fotos: Holger Bernert