Elke Zimer verabschiedet sich als Küsterin der Anröchter Auferstehungskirche nach 41 Dienstjahren in den Ruhestand
Auch an ihrem letzten offiziellen Arbeitstag wird Elke Zimer um Viertel nach zehn die Sakristeitür öffnen, den Altartisch kontrollieren, und die dritte Kerze einen halben Zentimeter nach links justieren. Seit 41 Jahren beginnt jeder Gottesdienst mit diesen wichtigen Vorkehrungen. Am 30. März ist jedoch Schluss, denn dann geht die Küsterin der Anröchter Auferstehungkirche in den Ruhestand. Mit einem festlichen Gottesdienst wird sie am Sonntag, 14. Juni, elf Uhr, offiziell von der Evangelischen Kirchengemeinde Erwitte-Anröchte verabschiedet.
Zuverlässigkeit in Person
Elke Zimer, ist gelernte Hauswirtschafterin, Mutter von drei Söhnen und seit 1985 fester Bestandteil des Anröchter Gemeindelebens. Im selben Jahr übernahm sie eine Aufgabe, die sie selbst liebevoll „die Tätigkeit“ nennt. Zu ihren wöchentlichen Pflichten gehörten das Aufschließen der Kirche, das Einstellen der Heizung, das Legen der Altartücher und das Anzünden der Kerzen. Anschließend kümmerte sie sich um das Aufräumen und Abschließen. Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Wer Elke Zimer mit einem Computer vergleichen möchte, der im Hintergrund leise und unauffällig arbeitet, aber dessen Ausfall alles zum Stillstand bringt, trifft es genau. Die 74-Jährige war dieses zuverlässige System der Anröchter Kirchengemeinde. Und das ganze 41 Jahre lang, ohne größere Unterbrechungen.
Vielfältige Aufgaben
Die sichtbaren Handgriffe sind dabei nur die Oberfläche. Was Küsterinnen wirklich leisten, erschließt sich erst beim Zuhören. Seit Corona füllt die Gemeinde keine gemeinsamen Kelche mehr, sondern 30 Einzelportionen Abendmahlwein. Das Ritual zerlegt in 30 kleine Gläser, trotzdem vollzogen, trotzdem gültig. Die Hostien werden gezählt. Die Kerzenhalter der Auferstehungskirche sind so gebaut, dass die Kerzen nie von alleine geradestehen. Vor jedem Gottesdienst braucht es eine Justierung, einen kleinen Dreh, einen halben Zentimeter Korrektur. Elke Zimer kennt diesen Griff auswendig. Heiligabend, der dichteste Dienst des Jahres, verlangt noch mehr: Bänke voll, Stimmung aufgeladen. Manchmal kippt jemand um. Selten, aber es kommt vor. Dann braucht es jemanden, der ruhig bleibt und handelt. Das war sie in all den Jahren. Doch mittlerweile ist ihr die körperliche Arbeit zu anstrengend geworden. Schließlich gehört auch das Putzen der vielen Räume zu ihren Aufgaben.
Kommen und gehen
Zwei Pfarrer wirkten in dieser Zeit hauptamtlich an der Auferstehungskirche: Hans-Michael Kirchhoff, fast 30 Jahre im Dienst, bis ihn ein Herzinfarkt zur Aufgabe seiner Tätigkeit zwang. Sein Nachfolger wurde Sven Fröhlich, der 17 Jahre lang als Pfarrer aktiv war. In Kirchhoffs Krankheitsjahren kamen und gingen Vertretungspfarrer. Manchmal einer, dem die Kirche selbst fremd war. Elke Zimer erzählt eine solche Begebenheit lachend: „Der Pfarrer sollte um halb zehn den Gottesdienst halten. Zehn Uhr kam. Er fehlte. Er hatte an der katholischen Kirche in Anröchte nachgefragt, wo die Evangelischen seien — und die Auskunft erhalten, die träfen sich auf dem Friedhof. Er ging dorthin, betrat die Friedhofskapelle, schlug ein Gesangbuch auf und merkte, dass die Ausgabe nicht stimmte. Fragte nach.“ Das Missverständnis klärte sich auf, er fand die Auferstehungskirche. Der Gottesdienst begann mit Verspätung. Die Küsterin erzählt das ohne jeden Vorwurf. „Kirchensuche in einer fremden Stadt, das passiert eben.“
Eine zweite Geschichte hängt an einem Korb. Jahrelang begleitete Elke den monatlichen Gottesdienst im nahegelegenen Seniorenheim Haus Elisabeth. Das Abendmahl gehörte natürlich dazu. „Ich habe alles Nötige sorgfältig eingepackt und kurz vor Beginn des Gottesdienstes die Flasche geöffnet. Es roch jedoch nach Glühwein. Ich hatte die falsche Flasche mitgenommen.“ Pfarrer Fröhlich ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und taufte den Abend kurzerhand um: Heute, nach dem Weihnachtsmarkt, beim Abendmahl. Die Betagten in der Runde schmunzelten. Der Gottesdienst lief weiter. Improvisation als Seelsorge.
Zeit im Wandel
Was in dieser Zeit ebenfalls lief, war der Wandel. Elke Zimer, die im Mai 75 Jahre alt wird, beschreibt ihn ohne Dramatik. Aber das Bild, das dabei entsteht, ist eindeutig. „Die Gemeinde ist alt geworden. Wer zwischen 35 und 60 ist, fehlt. Nicht gelegentlich, sondern vollständig. Als hätte eine ganze Generation beschlossen, woanders ihren Sonntag zu verbringen. Die Frauen sind berufstätig, kommen erschöpft nach Hause, haben noch hundert Dinge vor sich, bevor der Abend endet. Gottesdienst um elf Uhr am Sonntagvormittag passt nicht mehr in dieses Leben.“ Sie fragt sich, ob man beides kombinieren müsste — Gottesdienst und gemeinsames Frühstück, nicht entweder oder. Die „Wage-Region“ mit Warstein, Anröchte, Geseke und Erwitte ist ein Verbund aus vier Gemeinden mit zu wenigen Pfarrstellen, und hält den Betrieb aufrecht, indem sie ihn verkleinert. In Anröchte findet der Gottesdienst ein bis zweimal im Monat statt. An den übrigen Sonntagen ist Erwitte dran. Beide teilen sich einen Kalender, wechseln sich ab, füllen die Lücken. Mehr bleibt nicht.
Engagement für Frauen
Parallel zur Kirche läuft die Frauenhilfe. Vierzehntägig, jetzt dienstags statt mittwochs, weil eine Teilnehmerin mittwochs zur Augenbehandlung muss. Ein kleiner Eingriff in den Stundenplan, der zeigt, wie fragil solche Runden geworden sind. Zehn Frauen kommen noch. Die Älteste ist 93. Die Jüngste liegt unter 70 und ist damit die Ausnahme. Wer in den vergangenen Jahren fehlte, fehlte aus dem naheliegendsten Grund. „Der Herr hat sie abberufen“, wie Elke Zimer es formuliert – ruhig und ohne Sentimentalität. Elke Zimer leitet die Runde ehrenamtlich, liest manchmal vor, manchmal spielen sie Gesellschaftsspiele, manchmal reden sie nur. Eine Andacht steht immer am Anfang. „Früher hielt sie der Pfarrer, heute übernehme ich das selbst. Es soll Freude sein und keine Anstrengung“, sagt sie. Das klingt wie ein Programm, das weit über die Frauenhilfe hinausträgt.
Familiärer Rückhalt
Hinter allem steht ein Rückhalt, den Elke Zimer nicht vergisst zu erwähnen: ihren Mann. Über 40 Jahre hielt er ihr den Rücken frei. Als die Familie sonntags aus dem Gottesdienst zurückkam, stand das Essen fertig auf dem Herd. Jedes Mal. Der Jüngste der drei Söhne war sechs, als das begann. „Bis heute hat sich daran nichts geändert.“ Wenn sie nach Hause komme, sei das Essen fertig. Sie lacht kurz. Man solle sich das mal vorstellen. Man stellt es sich vor und erkennt: Dieser eine Satz beschreibt eine Ehe präziser als die meisten langen Erklärungen.
Suche nach Nachfolge
Die Evangelische Kirchengemeinde Erwitte-Anröchte sucht jetzt eine Nachfolgerin oder einen Nachfolger für das Küsteramt. Bewerbungsgespräche stehen bevor. Elke Zimer hat schon angefangen, die Schränke in der Sakristei zu ordnen, jeden Griff sichtbar zu machen, Übersicht zu schaffen. „Jeder ist zu ersetzen", sagt sie, und das klingt nicht nach Resignation. Es klingt nach der Klarheit, die 41 Dienstjahre erzeugen. Sie werde nicht prüfen, ob alles so läuft wie früher. Jeder habe das Recht, Dinge nach seiner eigenen Art zu gestalten. Das sagt sie aus ehrlicher Überzeugung. Man glaubt ihr sofort.
Aktiver Ruhestand
Ab dem 9.Mai macht das Freibad wieder auf. Elke Zimer möchte täglich schwimmen gehen. Im Ruhestand ist auch mehr Zeit für die Familie, für ihre Kinder und Enkelkinder. Zudem wartet ein großer Garten auf Pflege. Sonntags sitzt sie in der Kirchenbank, begrüßt die Menschen, die sie seit Jahrzehnten kennt, lauscht dem Prediger. Ob sie dabei heimlich prüfen wird, ob die Altarkerzen wirklich geradestehen? Sie schüttelt den Kopf. Die stünden sowieso selten gerade. Aber das sei dann nicht mehr ihr Problem.
Text und Fotos: Holger Bernert