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Bildcollage mit Anröchter Ansichten

Die Geschichte von Christian Antonius Anröchte

von Eberhard Killing

Man schrieb das Jahr 1784. Ein heißer Sommertag hatte über dem Dorfe gelegen. Ein verspätetes Erntegespann holperte schwerfällig über die Dorfstraße. Es war ein bescheidenes Bauerndorf dieses Anröchte, und außer Kirchweih und Bauernschützenfest gab es im ganzen Jahre wohl nichts, was aus dem Rahmen des Alltäglichen herausgefallen wäre. Dann zur rechten Zeit ein guter Trunk, ein paar Schläge mit der Faust zwischen den kampflustigen Dorfjungen und hernach wieder ein Trunk - und alles war wieder gut.
 

Die Anröchter hatten sich nach einem arbeitsreichen Erntetage früher wie sonst in ihre Behausungen zurückgezogen. Düstere und formlose Wolkengebilde gaben dem Sommerabend ein unfreundliches Gesicht. Zaghaft erhoben sich kurze Windstöße und zupften am Gezweig in Baum und Strauch. Aus ziehenden Wolkenschleiern warf hin und wieder der Mond sein fahles Licht über Hütten und Höfe. Lange gespenstige Schatten lagen dann über Weg und Steg. Vögel und sonstiges Getier saßen im schützenden Gemäuer oder sonstigen Schlupfwinkeln. Bald erhellte in unregelmäßigen Zeiträumen flammendes Wetterleuchten das Dunkel und ließ die Konturen des Dorfbildes gespenstig hervortreten. Wie im befriedigten Murmeln rollte in weiter Ferne der Donner.

"Et sitt faste", sagte der alte Uhlentrop im wohligen Hindusseln und rekelte sich zufrieden in seiner Bettlade, sodaß das Bettstroh wippend über den Rand das Bettkastens lugte. Er zog das Bettlaken über die Ohren. Immer ein Kreuz schlagen wenn es dem Blitz einfiel, die weißgetünchten Wände seiner Kammer taghell zu erleuchten, war ihm zu lästig und störte ihn zu sehr in seiner beschaulichen Ruhe.

Ruhe.

"Wat iek nit weut, mäckt mie nit heut" denkt er und versucht zu schlafen.Auch Uhlentrops Mutter kommt der Schlaf in die Augen. Beim blakenden Öllicht hat sie heute Abend lange gesessen, um Leinenkittel und Hosenböden ihrer Jungen wieder in Form zu bringen. So eine Bauernmutter muß eben Mädchen für alles sein. Sie muß schaffen an allen Enden. Sie strafft den gebeugten Rücken. Er schmerzt von emsiger Abendarbeit. Den Plunder zusammenfassend murmelt sie halb von Sinnen: "Muer?n mähr", und erhebt sich müde von der Herdbank. Plötzlich verhält sie den Atem. Ist es der aufsteigende Wind, der um das Haus streicht? Sie preßt das Gesicht gegen die kleinen Butzenscheiben und starrt in den Abendhimmel. Nein, das Wetter hat sich ohne Entladung verzogen. Mutig behauptet wieder der Mond aus sachte ziehenden Wolkenbänden das Feld. Nochmals lauschte sie angestrengt.
Wie ein Wimmern klingt es vom Hofe her. Nun ist?s wieder still. Dann setzt es heiser wieder ein. Sie ruft zu ihrem Manne in die anstoßende Kammer hinüber. Ein unverständliches Gemurmel kommt von dort zurück. In aufsteigendem Gruseln tritt sie zum Fenster und nestelt den Riegel los. Sie lauscht in die Nacht hinein und vernimmt nun deutlich ein mattes Gewimmer. Entschlossen holt sie ein Windlicht vom Wandbrett und setzt an der flackernden Flamme einen Kienspan in Brand. Dann schiebt sie den klobigen Riegel der Hoftüre zurück und tritt in die schlummernde Natur.
Von der Düngestatt her dringen die Laute. Tastend schlurft die Alte vorwärts. Ein lichtes Etwas hebt sich vom häufenden schwarzen Unrat ab. Das spärliche halbblinde Licht der Laterne wirft seinen Schein auf ein kleines Wesen, das unter dem wärmenden Dung halb verdeckt liegt. Sie hebt das leicht schluchzende Knäblein, das ein formloser Leinenfetzen einhüllt, auf und hält es mitleidig in ihren Armen. Sacht bettet sie es zu Hause im Weidenkorb, der auch ihre Kinder einst beherbergte. Vater Uhlentrop ist von dem Familienzuwachs nicht sehr erbaut. Er hat selbst genug von den Bälgern, die er "Gott sei Dank" aus dem Gröbsten heraus hat. Wem mag?s gehören? Einer Magd oder einer Hofestochter, die das kleine Wesen für mitleidige Leute hier niederlegte, um der öffentlichen Schande zu entgehen? Am Morgen wird der Findling zum Ortsvorsteher getragen. Der zuckt die Schulter - er weiß auch nichts damit anzufangen.

 
Doch gute Christenmenschen waren es alle im Ort, und so sollte das namenlose Kind auch wohl irgendwo unterkommen. Man brachte es zum Ortspfarrer und taufte das Knäblein unter der Assistenz frommer Bürgersleute auf den Namen Christian Antonius. Doch woher einen Familiennamen nehmen? Als anständiger Staatsbürger mußte er wie alle anderen Zeitgenossen einen Hausnamen haben. Die findigen Bauern wußten nach einigem Hin und Her auch hier Rat. Nach seinem Fundorte legten sie ihm einfach den Familiennamen "Anröchte" bei. Er hieß dann kurzweg Anton Anröchte. Schniederdirks Mutter erbarmte sich des armen Findlings und ersetzte ihm die Mutterstelle. Die Armenkasse gab ihr dafür ein geringes Entgelt. Der Ortspfarrer aber trug mit ungelenker Schrift seiner alternden Hand in das Kirchenregister ein:
"Parentes nescit 1784, 1. Augusti inventus infans in Villa Ulentrops sub conditione rebaptizatus sub nomine Xtianus Antonius invento. Pathen Heinrich Schulte, Christian Hoeken, Gertrud Schütte." (Eltern unbekannt 1784, 1. August gefunden ein Kind auf dem Hofe Ulentrops unter Bedingung wiedergetauft unter dem Namen Christian Antonius der Findling. Paten Heinrich Schulte, Christian Hoeken, Gertrud Schütte).

Anton Anröchte wuchs heran wie alle anderen Jungen im Dorfe. Er verübte mit ihnen genau dieselben Streiche und bekam auch mit ihnen in gleicher Auflage die Prügel zur rechten Zeit und am rechten Fleck. Nie machte jemand im Laufe der Jahre seine Rechte an dem Findling geltend, wurde im das Dorf bald zu eng. Er schüttelte den heimatlichen Staub von den Füßen und ging als kaum 16-jähriger in die weite Welt. Man sah ihn nicht wieder und vergaß ihn, den Sohn der Hagar.

Ein und ein halbes Jahrhundert verstrichen. Volks- und Kriegsnöte wechselten mit ruhigen Zeiten. Generationen entstanden und zerfielen, und im Gedächtnis der Ortsbewohner war das Erlebnis von Anton, dem einstigen Findling, längst geschwunden. Nur die vergilbten Blätter der Kirchenchronik blieben stumme Zeugen.
Und wieder liegt ein heißer Julitag des Jahres 1931 über dem Dorfe. Vieles hat sich geändert, denn die Zeit schritt rastlos voran. Ein Kraftfahrer lenkt sein Rad im gemäßigten Tempo über das Kleinpflaster der Dorfstraße. Interessiert schaut er den Häuserreihen der Hauptstraße entlang. An der Kirche mit dem weiten Kirch- und Marktplatz stoppt er und setzt die Maschine still. Froh schweift sein Blick über Kirche und Schule und die zusammenlaufenden Straßen und Gassen. Er läßt das Ortsbild ruhig auf sich einwirken. Seine Begleiterin, ein junges Weib, nimmt sichtlich Anteil an der Freude ihres Partners. Des Kaufmanns Karl von gegenüber muß wohl ein Geschäft wittern. Mit der ihm eigenen Art hat er das Begehr der Fremdlinge bald heraus. Jedoch fremdklingend ist ihre Sprache, und in mühsam stolperdem Deutsch erklärt ihm der fremde Mann Name, Art und Zweck seines Hierseins. Christian Anröchte heißt er; und er ist von Paris gekommen um einmal die Geburtsstätte seines Urgroßvaters zu sehen, mit dessen Existenz sich einst die dunkle Geschichte verband. Getreulich war sie durch die drei Generationen in der Familie überliefert worden. Er ist wie sein Großvater und Vater Holländer. Von Beruf Maler, wohnt er mit seinem Vater schon über 20 Jahre in Frankreichs Hauptstadt Paris. Seine Personalpapiere bestätigen die Richtigkeit seiner Ausführung. Der Stammbaum ist durch Geschlechter in Holland gewachsen und viele Äste und Zweige sprossen aus ihm. Alle haben durch die Jahrhunderte den Familiennamen " A n r ö c h t e " unverfälscht erhalten. Drei Tage blieb das fremde Paar im Dorfe und ließ an den Orten der einstigen Ereignisse die Gedanken zurückwandern in jene Zeit. Noch einmal lebte die Geschichte von Anton dem Findling unter den Dorfbewohnern wieder auf und die alten Leute kannten sie noch von ihren Vätern in den Einzelheiten.
Dann nahm Christian Anröchte Abschied von Anröchte, seinem Namensvetter, und seinen Bewohnern. In der Ferne verklang das Geknatter seines Motorrades.
Die große Welt würfelt weiter Menschen und Menschenschicksale in wilder Laune durcheinander.

 
 
 
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